Die 1. Kirche - Thomaskirche Kempen

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Die 1. Kirche

Geschichte
Die 1. Kirche

Das erste Kirchlein der Evangelischen in Kempen soll klein, aber würdig werden. Weniger schön, vielmehr schludrig sind die Entwürfe des Baumeisters, über dessen Namen hier lieber der Mantel christlichen Erbarmens gebreitet werden soll. Besagter Architekt will nämlich durch den Abbruch eines Hintergebäudes Platz schaffen, übersieht aber, dass das ganze Haus dann auf einer Seite offen stehen würde..... Seine Skizze hat eine Giebelfront vergessen. Ohnedies ist das ganze Projekt zwar nicht auf Sand, so doch auf schlechten Boden gebaut. So schlecht, dass die Kirchenfundamente nicht wie vorgesehen vier Fuß, sondern zehn bis elf Fuß tief gesetzt werden müssen. Zur Krönung des Ganzen kostet das Glockentürmchen dann nicht die veranschlagten 50, sondern 200 Taler.

 
     
Recht irdische Probleme drängen sich in die erbaulichen Gedanken von Gebet und Segen, und am Ende steht ein Kostenvoranschlag von blanken 2.055 Talern. Wer soll das bezahlen?

Evangelische Christen aus dem ganzen deutschen Vaterland. Ihre Solidarität macht den Schwestern und Brüdern in der Kempener Diaspora nicht nur glaubens-, sondern auch finanziell stark, und der Klingelbeutel kommt kaum noch zur Ruhe. Vom Gustav-Adolf-Verein kommen 100 Taler, vom Leipziger Zentralverein gar 300 und jeweils die gleiche Summe vom Rheinischen und vom Brandenburgischen Hauptverein. Das ist knapp, aber es reicht. Am 8. August 1846 wird der Grundstein für die Kapelle gelegt, bereits am 25. November kann sie von vielen Ehrengästen eingeweiht werden. In Pfarrer Greevens Festpredigt geht es um den 31. Psalm. Dessen 22. Vers zitiert das Kempener Kreisblatt am Schluss seines Berichts über die Einweihungsfeier: “Gelobt sei der Herr, daß er hat eine wunderliche Güte uns bewiesen!”

Ein prunkvoll ausgestattetes Gotteshaus ist dieses Kapellchen freilich nicht, und Schulmöbel für den Gottesdienst hin- und herschleppen heißt immer noch das Gebot der Stunde. Zu Nikolaus 1850 gründet die Gemeinde, um die notwendigste Inneneinrichtung zu beschaffen, einen Pfennigverein. Seine Mitglieder zahlen regelmäßig kleinste Beträge, vom Haushaltsgeld abgespart, und bringen jährlich immmerhin 40 Taler zusammen.


Die ersten Glocken



Einen Nachteil hat das Kirchlein: Es ist noch stumm. Soll ihm die ladende Stimme versagt bleiben?

Es ist der Tod eines Gemeindemitglieds, der die Glocken herbeiruft. Am 21. Oktober 1849 stirbt auf dem Theishof in der Bürgermeisterei St. Hubert der evangelische Bauer Johann Bestendonk. Bislang ist’s Sitte gewesen, dass die Protestanten der evangelischen Pfarrgemeinde auf dem katholischen Friedhof in Kempen beerdigt werden,und zwar unter katholischem Glockenklang - gegen entsprechende Vergütung. Sodass nun jedermann verwundert ist, dass der Kempener Pfarrer dem verewigten Bestendonk den Glockenklang von St. Marien plötzlich verweigert und ihm auch noch einen Platz auf dem Friedhof abspricht. Begründung: Der Theishof liege nicht in seinem Pfarrsprengel, sondern in dem der katholischen Pfarrgemeinde St. Hubert, die 1798 von
Kempen selbstständig geworden ist. St. Hubert hat mittlerweile auch einen eigenen Friedhof, und dort, so Pfarrer Reismann, gehöre der St. Huberter Leichnam doch wohl hin. Der Streit um Bestendonks Bestattung schlägt Wellen, und Kempen Polizei sieht sich außerstande, einen friedlichen Ablauf der Totenfeier zu garantieren. Droht eine Neuauflage der Glaubenskriege?

Weil das Begräbnis nicht beliebig lange aufgeschoben werden kann, findet Bauer Bestendonk seine Ruhe auf dem evangelischen Friedhof in Krefeld. Mittlerweile haben sich evangelisch orientierte Zeitungen der Kempener Bestattungs-Bredouille angenommen und fragen nach der himmlichen Gerechtigkeit. Schließlich geht aus den Landratsakten hervor, dass der Kempener Friedhof mit kommunalen, also weltlichen Mitteln angelegt worden ist und dass die hohe Obrigkeit den seligen Bestendonk seinerzeit g e z w u n g e n hat, sich an seiner Anlage kostenmäßig zu beteiligen.

Die Entrüstung des Zeitungspublikums bringt schließlich mildtätige Münze: Kempens evangelische Gemeinde soll sich eigene Glocken anschaffen können, sodass sie nicht mehr auf die der katholischen Kirche angewiesen ist. Bei der Rheinisch-Westfälischen Zeitung laufen ansehnliche Beträge für Kempens evangelisches Geläut ein, und in Krefeld stiftet der wohlbetuchte Glaubensbruder Jan Hauser 200 Taler, die die Summe voll machen. Am letzten Adventssonntag 1850 läuten die ersten evangelischen Kirchenglocken in Kempen die Weihnachtszeit ein.


Fortschritt und Wachstum

Ein Kirchlein ist gebaut, aber sein Seelsorgebezirk ist gewaltig. “Eine winzige Großgemeinde”, hat Hans Josef Birker ihn genannt, denn diese von Kempen aus versorgte Glaubensgemeinschaft ist zahlenmäßig klein, räumlich aber ausgedehnt, umfasst an die 160 Quadratkilometer. Die Gemeinschaft der Gläubigen ist überaus zerstreut - so wohnen beispielsweise in St. Tönis und Hüls nie mehr als zwei oder drei protestantische Familien.

Aber erst 1853 sind die Pfarrgrenzen der Gemeinden im Kirchenkreis Gladbach mit Zustimmung der örtlichen Presbyterien endgültig festgelegt. Zirkumskription lautet der Fachbegriff für eine solche Abgrenzung kirchenrechtlicher Bezirke; seit 1846 bemüht sich eine Zirkumskriptions-Kommission um die Ziehung der Grenzen, um die Zuordnung bestimmter Ortsteile und Einzelpersonen zu bestimmten Pfarrgemeinden. Jetzt ist die Arbeit im Wesentlichen abgeschlossen, nunmehr können die festgelegten Bezirke amtlich bestätigt werden. Am 12. November 1853 spricht in Berlin der preußische Kultusminister die stattliche Anerkennung der Kirchengemeinde Kempen aus. Er verfügt, dass zum Bezirk der evangelischen Gemeinde Kempen die folgenden Regionen gehören: Die Bürgermeistereien Aldekerk, Nieukerk (der südlich vom Kuhdyk gelegene Teil), Kempen (Stadt und Schmalbroich), Grefrath, Oedt (der zwischen den Bürgermeistereien Kempen und Grefrath gelegene nördliche Teil einschließlich der Ortschaft Mülhausen), St. Tönis, Hüls (mit Ausschließung des zur Synode Moers gelegenen östlichen Teils), St. Hubert (mit Ausnahme des östlichen Teil, also des Kliedbruchs, des Waldwinkels und Geilings Bröckchen). Die Gründungs-Urkunde für die evangelische Gemeinde zu Kempen, unterzeichnet von der königlichen Regierung in Düsseldorf am 2. September und von der Provinzialsynode in Koblenz am 17. Oktober 1855, bestätigt diese organisatorische Gestalt.
In der Schar der Gemeindeangehörigen bilden immer noch Beamte das Schwergewicht. Von den 14 Kempener Familienvätern, die 1873 insgesamt 35 Kinder zur evangelischen Schule schicken, sind fünf Handwerker, einer Gerichtsvollzieher, einer Jäger - er wohnt als Einziger nicht in Kempen, sondern in Unterweiden - aber sieben Staatsdiener: Grenz- bzw. Steueraufseher; Kontrolleure, und auch Kempens Stationsvorsteher ist darunter. Ja, Kempen hat mittlerweile zwei Bahnhöfe. Mit der Eröffnung von Schienenstrecken der Staatsbahn nach Köln und Kleve (1862) und nach Venlo (1868) ist die Stadt zum Verkehrsknotenpunkt geworden. 1872 bekommt sie durch eine Industriebahn, von der Bevölkerung liebevoll Schluff genannt, einen zweiten Bahnhof und direkte Verbindung nach St. Hubert, Hüls und Krefeld, Oedt und Süchteln. Umfangreiches Bahnpersonal wohnt jetzt im Ort, ein Teil davon ist aus evangelischen Regionen in die Kreisstadt versetzt worden. Von den 39 evangelischen berufstätigen Männern, die es 1881 in der Stadt Kempen gibt, stehen 18 im öffentlichen Dienst, das ist knapp die Hälfte. Von ihnen sind sieben Bahnbedienstete: Bremser und Lademeister, Heizer, Zugführer, Bahnmeister und Bahnassistent.

Die evangelische Bevölkerung legt rasch zu, wobei die Zahlen der Evangelischen in der Stadt Kempen von denen der übergreifenden Gesamtgemeinde zu unterscheiden sind. Von den 5.383 Einwohnern, die die Stadt 1876 zählt, sind 5.127 (= 95,2 Prozent) katholisch; die 149 Evangelischen machen 2,8 Prozent der Bevölkerung aus, die 107 Jüdischen zwei Prozent. Aber die beiden konfessionellen Randgruppen durchlaufen eine unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung - die Evangelischen legen zu, die jüdische Einwohnerschaft geht zurück. Um 1870 hat es in Kempen noch 128 jüdische Einwohner gegeben und 82 evangelische. 1931 wird man in Kempen nur noch 65 Jüdinnen und Juden zählen. In der Bevölkerung (1933: 8.444 Einwohner) stellen sie damit nur noch 0,76 Prozent. Die andere Minderheit, die Evangelischen, zählt mittlerweile mit 426 Seelen fünf Prozent. - Größer als die Zahl der Evangelischen in der Stadt Kempen ist der Umfang der evangelischen Gesamtgemeinde, die 1880 200 Mitglieder umfasst, 1903 650 und 1909 750.

Am 24. März 1871 begeht Pfarrer Greeven sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Öffentlich kann er es nicht feiern, denn schon seit einiger Zeit ist er kränklich. Nachfolger und damit zweiter Pfarrer der jungen Gemeinde wird am 1. Oktober 1871 Ernst Theobald Rudolf Roeber aus Pfalzdorf. Er bleibt bis zum 30. September 1910 im Amt und stirbt am 8. Dezember 1913 in Kempen - nach 38-jähriger erfüllter Dienstzeit. Unter ihm wird 1873/74 der alte Teil des Pfarrhauses für insgesamt 2.037 Taler renoviert.

Am 3. Oktober 1901 startet in Kempen die Eisenmöbel produzierende Firma L. & C. Arnold ihren Betrieb. Ihr Mutterwerk liegt im schwäbischen Schorndorf, von wo das Unternehmen einen Teil seiner Arbeiterschaft mitgebracht hat. Von etwa 85 Arnold-Arbeitern kommen ca. 35 aus Württemberg. Sie sind durchweg evangelisch, meist vom Pietismus geprägt - ebenso wie ihr Firmenchef Karl Arnold. Mit den Familienangehörigen stellt der Zuzug für die evangelische Gemeinde Kempen eine Vergrösserung um mehr als 80 Mitglieder dar. Karl Arnold ist ein engagierter Mann. Zeitlich parallel zum raschen Bau der Fabrik lässt er am Oedter Weg für seine Arbeiter sechs zweigeschossige Doppelhäuser entstehen, die für die mostdurstigen Einwohner mit Schuppen zum Obstlagern versehen sind. Schwabenheim nennt der Volksmund die Werkswohnsiedlung. Aber Karl Arnold engagiert sich auch für die evangelische Gemeinde: Er tritt 1905 dem Presbyterium bei und stiftet größere Summen für den Bau der Kirche und der evangelischen Schule. Seine schwäbischen Protestanten haben es noch lange schwer im stockkatholischen Kempen. Als der Besitzer der Gaststätte Königsburg am Donkweg (heute: Donkring) ihnen 1903 eine Weihnachtsfeier in seinem Saal ermöglicht, meiden die Kempener Vereine künftig sein Etablissement.

zuletzt aktualisiert: 14.10.2017
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