Kirchenneubau - Thomaskirche Kempen

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Kirchenneubau

Geschichte

Vor 100 Jahren: Der Neubau an der Aldekerker Straße

Auszüge aus der Festschrift  “100 Jahre Thomaskirche”     
Dr. Hans Kaiser

Immobilien-Erwerb durch innere Stimme

Der Zuzug der Schwaben überforderte endgültig die räumlichen Möglichkeiten der ersten Kirche. 1909 ist die Seelenzahl der Kempener Gemeinde von 200 (in 1880) auf 750 Personen gestiegen. Der düstere Kapellenraum an der Ecke Burg- und Engerstraße wird mehr und mehr zum Gespött der Leute. Auf 100 Gemeindeglieder gerechnet gibt es in Kempen nur 75 Sitzplätze. Ein neues Gotteshaus ist überfällig.

Schon in den 90er-Jahren hat die Gemeinde angefangen, mit Hilfe des Gustav-Adolf-Vereins einen Fonds zum Kauf eines Kirchengrundstücks zu bilden. Zuletzt fließen jährlich 2.100 Mark hinein: Eine fromme Bausparkasse. Aber wo soll gebaut werden?

Die Lösung kommt auf unerklärliche Weise am 3. März 1903. Mathilde Dorothea Roeber, Pfarrer Roebers Frau, besuchte die Familie des Diakons Hoffmann, will sich nach dem Befinden des ältesten Sohnes erkundigen, der eine Augenoperation hinter sich hat. Im Gespräch erfährt sie, “Simons Scheune” solle verkauft werden - ein Grundstück der Familie Simons am Burgring. Für eine Kirche ein idealer Platz, aber zu teuer. Als die Pfarrersfrau nach Hause geht, ist ihr auf der Rabenstraße, als riefe jemand ihr zu: “Nun bekommt ihr doch noch Hüskes Scheune!” Unbewusst hat sie “Simons Scheune” mit “Hüskes Scheune” verwechselt - das ist ein Haus vor dem Kuhtor an der Ecke Wachtendonker-/Aldekerker Straße mit Scheune, großem Hof und großem Garten. Ein Landwirt namens Josef Hüskes hat es aus dem Besitz der Kaufmannsfamilie Horten erstanden, und Pfarrer Roeber liebäugelt schon lange mit dem Zwei-Morgen-Areal. Als seine Frau ihm von dem inneren Zuruf erzählt, greift er spontan zum Anzeigenteil der viel gelesenen Kempener Wochenzeitung Volksfreund - und entdeckt, dass noch am selben Tag im Hotel Even (später: Kempener Hof), Kuhstr. 15, “Hüskes Scheune” versteigert werden soll.

Ein Hinweis Gottes? Wie auch immer: Ernst Roeber schaltet sofort. Geschwind bestellt er die nichts ahnenden Mitglieder seiner Boden-Erwerbs-Kommission ins Pfarrhaus zu einer spontanen Sitzung. Hier wird der Diaon Hoffmann zum Mitbieten ermächtigt - zum Schein in eigener Sache, denn im stock-katholischen Kempen ist Widerstand gegen den Bau einer neuen großen evangelischen Kirche abzusehen. Hoffmann geht zur Versteigerung. Er verrichtet seinen Auftrag diskret, und niemand ahnt, dass er in Wirklichkeit für seine Gemeinde mithält - sonst hätte man den ungeliebten Evangelischen den Preis in unerschwingliche Höhen getrieben. Beim letzten Gebot des Diakons fährt der Hammer dreimal ‘runter. Für rund 13.000 Mark geht das Hüskes-Anwesen an die Protestanten.

Als Kempens katholisches Establishment realisiert, dass die evangelische Minderheit gerade ein Kirchen-Grundstück erworben hat, ist das Befremden groß. Rasch erfolgen Schikanen. Zwei Tage nach der Versteigerung beantragt die evangelische Gemeinde die behördliche Genehmigung des Ankaufs. Kempens Erster Beigeordneter Heinrich Herfeldt braucht nur einen Tag, um seine Bedenken zu formulieren: Er übermittelt in Abschrift eine Verfügung, wonach Kirchengemeinden nur nach vorher eingeholter der vorgesetzten Behörde Grundstücke erwerben dürfen. Was Herfeldt nicht mitteilt: Eine solche Genehmigung ist nur erforderlich, wenn die Gemeinde auf der anzukaufenden Immobilie eine Hypothek liegen hat, die sie durch den Ankauf sichern will. Er hat nur geblufft.

Die neue Kirche: Bau und Einweihung

Mit dem Ankauf des Baugrundstücks ist die Bausparkasse erst mal leer, und wieder beginnt das Sammeln. Von Kempen aus ergießt sich ein Strom von Bittbriefen an Gönner und Hilfsorganisationen. Allenthalben spenden Protestanten für ihre Glaubensbrüder in der kleinen Gemeinde am Niederrhein. Die Kasse füllt sich. Im Januar 1908 beginnt der Abbruch des Hüskes’schen Gebäudes an der Aldekerker Straße. Holz und Dachziegel der Hofanlage werden so günstig versteigert, dass die Abbruchkosten nahezu vollständig gedeckt sind.

Auf geht’s an den Neubau: Von vier Bewerbern erhält der Architekt Heidsiek aus Mülheim den Zuschlag für den Entwurf und Bauleitung. Er entwirft in der Formensprache der Neorenaissance eine dreischiffige Backsteinkirche mit hellfarbigen Werksteindetails. Den Glockenturm mit geschweifter Haube will er in den nordwestlichen Winkel aus Mittel- und Seitenschiff stellen, doch wird der Turm dann in die Süd-Ost-Ecke gerückt.
Das Chörchen, das traditionell nach Osten zeigen sollte, kommt schließlich in den Westen des Gebäudes. Großenteils Kempener Handwerker werden mit den Gewerken beauftragt: Die Bauunternehmung H. Schmitz & Co mit der Ausführung sämtlicher Maurer-, Zimmerer- und Dachdecker-arbeiten, die Fa. J. H. Kiefer mit der Gasinstallation, Schreinermeister Christian Büskens mit der Herstellung der Kirchen-bänke und der Treppen, die Anstreicherfirma Jakob van Lin mit dem Streichen der Bänke. Anstrich und Ausmalung des Innenraumes übernimmt jedoch die Firma Warg aus Krefeld.

Bereits am 25. April 1909 wird der Grundstein zum neuen Gotteshaus gelegt. Der festliche Akt beginnt mit einem Gebet des Ortspfarrers Roeber im alten Kirchlein an der Burgstraße, wonach sich ein Festzug zur Baustelle an der Aldekerker Straße bewegt. Dort wird eine Urkunde in den Grundstein versenkt, auf den dann die symbolischen Hammerschläge niedergehen. Bei der anschließenden Feier in der Königburg verteilt einer der beiden Festredner - Pfarrer Zillessen aus Lobberich - vier Palmzweige an berühmte Persönlichkeiten der Religionsgeschichte - einen davon an Thomas à Kempis. Ein Vorgriff darauf, dass die Kirche, die über diesem Grundstein erwachsen wird, 76 Jahre später Thomaskirche getauft werden wird.
Im September 1909 treffen die Glocken ein - gestiftet von einem hochherzigen Wohltäter, der ungenannt bleiben will, und hergestellt von der Gießerei Johann Georg Pfeifer in Kaiserslautern. Ihr erstes Läuten gilt einem Grab - eines Menschen, der mit der Gemeinde besonders eng verbunden ist. Mathilde Dorothea Roeber, die Pfarrersfrau, ist schwer erkrankt. Am 26. April 1910 verstirbt sie, 68 Jahre alt. So rufen die Glocken mit ihrem Läuten einen Abschiedsgruß für eine Frau, die, so beschreibt es das Lagerbuch der Gemeinde, “so treu für die Gemeinde und auch um den Kirchenbau gesorgt und sich gemüht, mit der Gemeinde Freud und Leid alle Zeit getragen hatte”.

Ein gutes Jahr nach der Grundsteinlegung - am 17. Juni 1910 - schreitet die Gemeinde zur Einweihungsfeier. Viele katho-lische Bürger, vor allem in der Nachbarschaft, haben zu Ehren der neuen Kirche die Häuser beflaggt. Am guten Ton soll es dem neuen Gebäude nicht fehlen. Zwar verfügen die meisten evangelischen Kirchen in der Diaspora nur über ein beschei-denes Harmonium; die Kempener Kirche indes erhält eine für die damalige Zeit bemerkenswert gute, wenn auch kleine Orgel der Firma Faust in Schwelm, und am Einweihungstag zieht Musikdirektor Gelbke aus Gladbach mit Bach’scher Musik die neuen Register. Die Weihe der Kirche vollzieht geistliche Prominenz: 
Der Geheime Konsistorialrat (noch ist Preußen Gloria lebendig!) Bergmann und Superintendent Bungeroth geben gute Worte für die Zukunft mit. Der Präses der Provinzial-Synode freilich, Pfarrer D. (für Doktor der Theologie) Hackenberg, spricht von der vielfachen Knechtung der evangelischen Kirche am Niederrhein, was was bei einigen verstanden wird als das Aufreißen einer Wunde, die man geschlossen glaubte. Doch verweist der Synodale auf Thomas à Kempis als Garanten der Gemeinsamkeit beider Konfessionen in Kempen. Als Predigttext hat Pfarrer Roeber ein Motiv aus Johannes 1, Vers 35-39 gewählt: “Was suchet ihr? Beim Gotteslamm ist Heil und Herberge.”
Abends um 18 Uhr findet in dem neuen Gotteshaus ein Festkonzert statt, bei dem die Tochter des Architekten Heidsiek mit einem Violinvortrag erfreut. - Wer die Vorgänge um Bau, Grundsteinlegung und Einweihung detaillierter als hier dargestellt nachlesen möchte, sei verwiesen auf die Festschrift zum 75. Geburtstag des Kirchengebäudes, herausgegeben 1985.


Unvergessen: Pfarrer Hartke

Am Tag der Kircheneinweihung ist Pfarrer Roeber für sein Lebenswerk mit dem Roten Adlerorden ausgezeichnet worden. Zweieinhalb Monate später - am 30. September 1910 - geht er in den Ruhestand. Am 08. Dezember 1910 wird als sein Nachfolger der 27-jährige Hermann Hartke, am 18. April 1883 in Niedersachsen geboren, in sein Amt eingeführt. 40 Jahre wird er es verwalten; gegen 53 Mitbewerber hat er sich durchgesetzt. Mit diesem dritten Urgestein der Kempener Pfarrgeschichte wollen wir die Chronik beschließen, denn Hartke hat die Gemeinde geprägt und ist unvergessen wie kein weiter.

Der neue Hirte braucht seine ganze Kraft, denn seine mittlerweile 750 Schäflein sind immer noch auf acht Orte verteilt.

zuletzt aktualisiert: 23.08.2017
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