Verschueren-Orgel - Thomaskirche Kempen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Verschueren-Orgel

Geschichte

Die Verschueren-Orgel im Raum der Thomaskirche

von Martin Bökelheide

Wer im Jahr 2010 erstmaligdie evangelische Thomaskirche betritt und seinen erstaunten Blick von der imposanten Altarwand sowie dem Blickfang der darüber liegenden altehrwürdig erscheinenden Rosette rückwendet, der erblickt sogleich die Orgel mit ihren glänzenden Frontpfeifen, wie sie wuchtig die Mittelempore beherrscht, und der Besucher denkt sich vielleicht - ganz unbedarft:
  • Das ist aber mal eine schöne alte Orgel.
  • Die passt aber vom Holz her eher zu den hellen Bänken als zum dunkel gebeizten Holz der hübschen Emporenbrüstung, welche noch an den Urzustand der Kirche zu erinnern scheinen.
  • Schade, dass das Gehäuse zum Teil die dahinter schimmernde Lichtrosette verdeckt.

Eine Orgel in einer 1972 neu gestalteten Kirche von 1910, konkret geplant seit 1987, eingeweiht im Jahre 1991, gebaut von der limburgischen Orgelfirma Verschueren in Heythuysen, inspiriert von der Lütticher und südniederländischen Orgelbauart des 17. und 18. Jahrhunderts, die dritte Orgel, die in dieser Kirche steht: Was passt da!?

Manch einen, der heute Fotografien des Kirchenraumes aus deren Jugendzeit betrachtet, den ergreift zarte Wehmut. Die Zeiten, in denen man trachtete, Altes mit Neuem zu konterkarieren, sind längst vorbei. Am liebsten würde man gelegentlich die Kirche wieder so haben, wie sie einmal war: mit dem alten, dunklen Gebänk, den lauschigen Holzkasetten im bestuhlten Chorraum, dem Holzaltar, der neoromanischen Scheinarkade, der zentral erhöhten, hoch gedeckelten Kanzel und der traubenfruchtig historisierenden Putzornamentik. Das wirkt so sittlich und gemütlich, so geschlossen und heile. Und dann eben: Jene Ur-Orgel, welche auf den alten Bildern zu sehen ist, dieses spätromanisch disponierte Instrument der Firma Faust aus Barmen, mit der hinteren Lichtrosette und den beiden seitlichen Fenstern der Mittelemporeein gelungenes Ensemble bildend, erscheint uns - zumindest aus dieser wohlfeilen, eskapistischen Denkmalsästhetik unserer Tage heraus - geradezu als eine Traumlösung.

Indes aus kirchenmusikalischer und orgelbauerischer Sicht? Kantorin Brigitte Kröger stellt in der Festschrift zur Einweihung der jetzigen Orgel 1991 heraus: "Das Bild zeigt nur den Prospekt, welcher nicht vom Orgelbauer, sondern vom Architekten der Kirche entworfen war und damit weniger den Gegebenheiten der Orgel als den ästhetischen Maßstäben des Raumes gehorchte." Sowohl Orgelbauer als auch Organisten dürften einem solchen "kirchenmusikalischen Möbelstück" gegenüber schon damals und umso mehr seit der Nachkriegszeit größte Vorbehalte gehabt haben, obwohl es sich dem Vernehmen nach um ein durchaus solides Instrument gehandelt haben soll.

Kriegsschäden hatten es allerdings irreparabel in Mitleidenschaft gezogen, sodass man Mitte der 60er-Jahre begann, darüber nachzudenken, die Gemeinde und die Orgel von ihren Leiden zu erlösen. Den Vorbehalten Sachverständiger zum Trotz, die letztlich einer Maximallösung den Vorzug gaben, wurde zunächst eine kleinere, preiswerte Orgel auf der rechten Seitenempore erbaut. Dieses Instrument, eine neobarocke, einmanualige Schleifladenorgel mit mechanischer Traktur, stammte bereits von der Firma Verschueren in Heythuysen, nämlich vom Vater des Erbauers der heutigen Orgel.

Als nun die Kirchenmusik 1987 durch die Einstellung von Kantorin Brigitte Kröger erstmalig hauptamtlich besetzt und somit der Kirchenmusik in der Thomaskirche eine ganz neue Bedeutung beigemessen wurde, erschien die 'Minimallösung' bald als zu gering, und es wurden Möglichkeiten der Finanzierung einer dem Raum angemessenen Orgel auf der Mittelempore ausgelotet. Was die Frage anbelangte, welcher Art diese Orgel sein sollte, vertraute man gänzlich den Vorgaben der Orgelsachverständigen der Landeskirche sowie den Vorstellungen der neuen Kantorin.

Brigitte Kröger war es, welche die Bevorzugung eines Instrumentes historischer Bauart vorentschiedund die letztlich der südholländischen Bauart den Vorzug gab. Für diese Entscheidung gab es gute Gründe. Damals waren Instrumente solcher Bauart am Niederrhein vergleichsweise rar. Und "je vielseitiger sich die Oregllandschaft darstellt, desto mehr Anziehungskraft wird sie auf den Orgelfreund ausüben" (Brigitte Kröger in der Schrift zur Einweihung der Orgel 1991). So sollte das Instrument über den sonntäglichen Gottesdienst hinaus dem kirchenmusikalischen Leben starke Impulse geben. Weiter führt Brigitte Kröger aus: "Die niederrheinische Region war in früheren Zeiten eng mit dem südholländischen Kulturbereicht verknüpft, wodurch eine Orgel südholländischer Bauart dem Raum ihrer Entstehung nicht entfremdet ist und dadurch einen besonderen Sinn erhält."

Nun gab es seit jeher einigen Verdruss über das Gesicht der Kirche nach den Veränderungen der 70er-Jahre. Es ist bis heute so: Wer die rüde Betonwand des Altarraumes oder das nicht recht mit den dunkelgebeizten Emporenbrüstung korrespondieren wollende helle Bankgestühl etc. rüffelt, ist sich in der Regel des Nickens seines Gegenübers gewiss. So konnte es nicht ausbleiben, dass die Diskussion entstand, ob denn die neue Orgel als "Möbel" nicht wieder mehr der Urgestalt des Kirchenraumes zu verpflichten sei, zumal immer wieder Begehrlichkeiten im Raume standen, die Betonwand niederzureißen und diesen neu - vielleicht retrospektiv - zu gestalten. Das hätte bedeutet, das Orgelgehäuse dunkel zu halten und die Lichtrosette darüber freizugeben. Hingegen Befürworter der Innenraumgestaltung von 1972 hätten vielleicht für ein Orgelantlitz plädiert, welches sich mit der modernen Gestalt des Altarraums kurzschließt. Nun aber war die Gestaltung des Orgelgehäuses nicht mehr Sache der Architekten oder Kirchmeister, sondern vornehmlich des Orgelbauers und der Kirchenmusikerin. Das Denkmalamt, welches all diese Überlegungen weiter kompliziert hätte, schaltete man erst ein, als alles schon in trockenen Tüchern war. Blieben Organistin und Orgelbauer: Aber auch deren Interessen waren nicht ungeteilt. Ging es diesem um historische Treue und Umsetzung höchster Ansprüche des Orgelbauhandwerks, so war jener bei aller Liebe zur historischen Bauart an der Einsetzbarkeit des Instruments in der Praxis gelegen. Hier waren einige Kompromisse vonnöten, um das Instrument nicht zu sehr auf eine bestimmte Orgelliteratur einzuengen.
Herausgekommen ist ein Instrument, welches nicht alles ermöglicht, welches aber alles, was möglich ist, außerordentlich klangschön zur Gestalt bringt.

So sind auf der Verschueren-Orgel der überwiegende Teil der Orgelmusik bis hin zu Mendelssohns und selbst auch einige Werke des 20. Jahrhunderts sehr gut darzustellen, während die orchestralen Farben der Spätromantik sowie gewisse Stücke der Moderne sich sowohl in ihrer Massivität als auch Harmonik nicht fügen: Diese Orgel ist ein kammermusikalisches, nicht ein sinfonisches Instrument, was einerseits dem vorhandenen Kirchenraum gerecht wird, andererseits wieder dem Aspekt geschuldet ist, dass entsprechend sinfonisch disponierte Orgeln in der Umgebung Kempen in ausreichendem Maße repräsentiert sind und dass etwa die Propsteikirche St. Marien mit der 'Albiez-Orgel' über ein voluminöses und vielseitiges Instrument verfügt.

Disposition der Orgel
HoofdwerkPositiefPedaal
Prestant 8'Gedekt 8'Bourdon 16'
Holpijp 8'Fluit 4'Octaav 8'
Octaav 4'Nassat 3'Octaav 4'
Fluit 4'Octaav 2'Trompet 8'
Quintfluit 3'Terts 1 3/5'
Terts 1 3/5'
Cromhoorn 8' B/D
Mixtuur 4f.

Trompet 8' B/D

Tremulant, Nachtegaal, 3 Koppeln
Mechanische Spieltraktur
1/8 Komma-Stimmung
Anzahl der Pfeifen: 1128
Ausgerechnet also Orgelliteratur, wie sie wohl zur Erbauungszeit der Kirche "en vogue" war, - man denke nur an Liszt und Reger - kann in ihr heute nicht adäquat erklingen; ob sie auf der 'Ur-Orgel' der Fa. Faust darstellbar gewesen ist, mag allerdings füglich bezweifelt werden.

Bezüglich der Innenraumgestaltung insgesamt freilich zeichnet sich heute ab, dass die bestehende Gestalt wohl erhalten bleiben wird. Eine Revision des Altarraumes - ein Fass ohne Boden - wird sich angesichts der immer dünner werdenden Finanzdecke ganz verbieten und würde überdies ein solches Stauvolumen erzeugen, dass die Orgel im Anschluss grundsanierungsbedürftig wäre. Darüber hinaus ist die scheinbar disparate Gestalt des Raumes inzwischen selbst Zeugnis eines achtenswerten Zeitgeistes: In den 70er-Jahren ging es nicht um historisch korrekten "Wiederaufbau" - dem hätte der Ruch des Musealen angehaftet -, sondern es ging um die Kommentierung und Paraphrasierung des Historischen mit den Mitteln der Moderne, um Abstraktion, aber auch funktionale Umbestimmung. Dass nun die Orgel ihrerseits historisch wiederum weiter in die Vergangenheit verweist, steht dazu nicht im Widerspruch - im Gegenteil, diese Art von Orgelhistorismus war ja in den 80er-Jahren ebenso Zeitgeist des Orgelbaus, wie die Betonästhetik Zeitgeist der Architektur der 70er-Jahre gewesen war. Hier wie dort ging es nicht um Denkmaltreue und Gemütlichkeit, sondern um die Eröffnung neuer Perspektiven und Gedankenebenen: Insofern passen Orgelbau und -klang von 1991 als dem Beton gegenüber wohlgefälliger Lausch- und Blickfang sehr wohl in das disparate Bild der Kirche in dieser damaligen wie auch der unsrigen Zeit - ein Bild, das auch kommenden Generationen von Kirchenbesuchern gleichermaßen vertraut wie widerständig erscheinen wird.

zuletzt aktualisiert: 22.06.2017
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü